Fehmarnbelt-Cyberangriff: Funktioniert euer Notbetrieb ohne zentrale IT?

Der Cybervorfall beim Tunnel-Auftragnehmer FLC zeigt ein Betriebsrisiko. So prüfst du zeitkritische Prozesse, Ausweichverfahren und Wiederanlauf im Unternehmen.

Fehmarnbelt-Cyberangriff: Funktioniert euer Notbetrieb ohne zentrale IT?
Julian Köhn
|Lesezeit: 4 Minuten

Die IT arbeitet an der Störung. Aber wer entscheidet währenddessen, wie der Betrieb weiterläuft? Der Cybervorfall beim Auftragnehmer des Fehmarnbelt-Tunnels macht diese Frage gerade in unserer Region greifbar. Sie betrifft ebenso einen Produktionsbetrieb, einen Logistikdienstleister oder ein Unternehmen, dessen Aufträge vollständig durch ein zentrales System laufen.

TL;DR: Nicht nur Systeme wiederherstellen

  • Prozess zuerst: Welche Arbeit darf wie lange unterbrochen sein?
  • Abhängigkeiten verstehen: Welche Systeme, Personen, Daten und Dienstleister braucht diese Arbeit?
  • Notbetrieb prüfen: Kann ein sicherer Ausweichablauf tatsächlich funktionieren, wenn die zentrale IT fehlt?
  • Ergebnis nachhalten: Jede Lücke aus einer Übung braucht Verantwortung, Termin und erneute Prüfung.

Was über den Fehmarnbelt-Vorfall bekannt ist

Femern A/S bestätigte am 13. Oktober, dass Auftragnehmer Femern Link Contractors (FLC) einen Cybervorfall gemeldet hat. Der NDR berichtet am 14. Oktober über gestörte Baustellenabläufe und zeitweise nicht funktionierende Zugangskarten.

Das betrifft einen Auftragnehmer im Bauprojekt, nicht den Verkehr durch einen bereits betriebenen Tunnel. Aus der knappen Projektmitteilung lässt sich kein konkreter Angriffsweg ableiten. Wir behandeln auch eine Täterzuordnung nicht als gesichert.

Der Unterschied: IT wieder da oder Arbeit wieder möglich?

Ein wieder erreichbarer Server ist ein technisches Ergebnis. Ob der Fachbereich wieder arbeiten kann, hängt zusätzlich von Daten, Zugängen, Freigaben, Personal und weiteren Diensten ab.

Unser Prüfszenario: Ein Logistikunternehmen kann seine Auftragssoftware nicht nutzen. Es hat Papierformulare vorbereitet, aber die aktuellen Lieferadressen und Ansprechpartner liegen ausschließlich im ausgefallenen System. Das Formular existiert. Der Ausweichprozess funktioniert trotzdem noch nicht.

Prüfmodell für den Notbetrieb: Geschäftsprozess, benötigte Ressourcen und ein sicherer Ausweichablauf müssen zusammenpassen.

Fiktives Prüfszenario: Nicht das Vorhandensein eines Plans zählt, sondern ob Menschen damit arbeiten können.

Der BSI-Standard 200-4 unterscheidet Wiederanlauf, Geschäftsfortführung im Notbetrieb und Wiederherstellung. Für eure Planung heißt das: Klärt einen reduzierten, tragfähigen Arbeitsablauf und seine Voraussetzungen. Ein vollständiger Normalbetrieb ist ein eigenes Ziel.

Fünf Fragen für euren nächsten Prozess-Review

Wählt zuerst einen zeitkritischen Geschäftsprozess. Die folgende Tabelle ist unsere Arbeitsvorlage, keine Aussage über die Organisation bei FLC.

PrüffrageWas eine brauchbare Antwort enthält
Wie lange darf die Arbeit ausfallen?Auswirkung über die Zeit und eine begründete Priorität
Was muss mindestens weitergehen?Konkrete Tätigkeiten und ein vertretbares Leistungsniveau
Welche Ressourcen braucht der Notbetrieb?Menschen, Informationen, Arbeitsmittel, Zugänge und Partner
Wer darf den Wechsel freigeben?Entscheidung, Vertretung und erreichbare Kontaktdaten
Wie kommt ihr geordnet zurück?Prüfkriterien, Datenabgleich und verantwortliche Freigabe

Auswirkungen und zeitliche Prioritäten untersucht ihr in einer Business Impact Analyse. Die Liste der dafür nötigen Systeme gehört in ein gepflegtes Asset-Inventar. Externe Abhängigkeiten betrachtet ihr zusätzlich im Lieferantenrisikomanagement.

Ein wichtiger Unterschied zur reinen IT-Liste: Ein Dienst ist nicht deshalb zuerst wiederherzustellen, weil sein Server am größten ist. Die Reihenfolge muss zum Geschäft und zu seinen Abhängigkeiten passen.

Eine Gesprächsübung, die Lücken sichtbar macht

Nehmt diesen fiktiven Ausgangspunkt: Die zentrale IT ist nicht verfügbar. Der nächste Auftrag muss trotzdem bearbeitet werden.

Geht einen konkreten Auftrag Schritt für Schritt durch. Wer nimmt ihn an? Woher kommen verlässliche Informationen? Wie werden Entscheidungen freigegeben? Wie erfahren Mitarbeiter und Partner, welcher Ablauf jetzt gilt?

Für den ersten Durchlauf reichen ein erfundener Auftrag und ein gemeinsames Gespräch. Schaltet dafür keine produktiven Systeme ab. Bei Zutritt, Maschinen oder anderen sicherheitsrelevanten Abläufen muss ein Ausweichverfahren fachlich geprüft und freigegeben sein; improvisierter Notbetrieb darf keinen zusätzlichen Schaden schaffen.

Übungsablauf: Einen Ausfall annehmen, den Arbeitsablauf durchspielen und erkannte Lücken mit Verantwortlichen nachverfolgen.

Eigene Arbeitshilfe: Aus der Übung werden überprüfbare Verbesserungen.

Wenn ein notwendiger Kontakt nur im ausgefallenen Verzeichnis steht, ist das ein konkretes Ergebnis. Wenn zwei Teams dieselbe Entscheidung jeweils beim anderen vermuten, ebenfalls. Haltet diese Lücken fest und prüft die überarbeiteten Abläufe erneut. Unser Beitrag zu Meldewegen und Notfallübungen vertieft die Vorbereitung und Auswertung.

Wie daraus laufende Steuerung wird

Ein Notfallplan verliert an Wert, wenn sich Systeme, Ansprechpartner und Dienstleister ändern und niemand die Folgen prüft. Verknüpft deshalb Geschäftsprozesse mit ihren Ressourcen, Risiken und zuständigen Personen. Offene Maßnahmen und Übungsergebnisse gehören an diesen Zusammenhang.

Kopexa unterstützt diese Arbeit mit Prozessen, BIA, Assets, Lieferanten, Risiken, Aufgaben und Nachweisen. Das hilft eurem Team, Prioritäten und offene Arbeit nachvollziehbar zusammenzuführen. Ob ein Ausweichverfahren funktioniert, zeigt weiterhin seine fachliche Prüfung und Übung.

Der nächste Schritt: Wählt einen wichtigen Prozess und fragt nicht nur „Haben wir einen Plan?“, sondern „Können wir den nächsten Auftrag damit sicher bearbeiten?“ Für den Umgang mit einem tatsächlichen Verdacht findet ihr einen separaten Leitfaden zum Vorfallmanagement.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Noch eine Frage offen? Hier findest du die Antworten zum Nachlesen.

Reicht ein funktionierendes Backup für den Notbetrieb?

Nein. Ein Backup unterstützt die Wiederherstellung von Daten. Der Notbetrieb braucht zusätzlich Menschen, Informationen, Zugänge, Arbeitsmittel und einen freigegebenen Ablauf. Prüft gemeinsam, ob eine konkrete Tätigkeit damit möglich ist.

Was ist der Unterschied zwischen IT-Wiederherstellung und Geschäftsfortführung?

Die IT-Wiederherstellung stellt technische Ressourcen wieder bereit. Geschäftsfortführung beschreibt, wie zeitkritische Arbeit während einer Störung mit einem tragfähigen Ausweichablauf weitergehen kann. Die beiden Aufgaben müssen abgestimmt werden.

Wie starten wir eine Notfallübung ohne den Betrieb zu gefährden?

Spielt in einer Gesprächsübung einen fiktiven Auftrag ohne zentrale IT durch. Prüft Informationen, Zuständigkeiten, Freigaben und Kontakte. Produktive Systeme bleiben eingeschaltet; technische oder sicherheitsrelevante Tests brauchen einen abgestimmten Umfang und Freigaben.

Quellen

  1. NDR: Nach Cyberangriff auf Fehmarnbelt-Tunnel: Das raten Experten () [Abgerufen am ]
  2. Femern A/S: Hovedentreprenør på Femern-projektet ramt af cyberhændelse () [Abgerufen am ]
  3. BSI-Standard 200-4: Business Continuity Management [Abgerufen am ]